Internatsgeschichten

Kürzlich erhielten wir aus Ramallah diese Zeilen unseres ehemaligen (Internats-) Schülers Simon Zürneck:

Ramallah, den 6. Mai 2018

Liebes Team des NIG Bad Harzburg,

inzwischen sind schon über sieben Monate vergangen, seitdem ich meinem Freiwilligendienst in den palästinensischen Autonomiegebieten begonnen und fast ein Jahr, seitdem ich das NIG verlassen habe. Tatsächlich frage ich mich an manchen Tagen immer noch, warum ich nicht vom Geschrei der Fünftklässler — deren Klasse unter meinem Internatszimmer war — aufwache, an anderen Tagen jedoch, wenn ich in der Wüste laufen gehe und den Muezzin zum Gebet rufen höre, fühlt sich das Internat andererseits auch Jahrzehnte weit weg an.
Seitdem ich hier bin, habe ich schon so viele vielseitige und facettenreiche Erfahrungen gemacht, dass für mich ein Leben in Deutschland zurzeit gar nicht mehr vorstellbar ist. Gerade die Tatsache, dass ich eine neue Kultur und Sprache kennenlernen kann und mich an sehr differente Lebensumstände anpassen muss, sehe ich als unglaubliche Bereicherung in meinem Leben an. Gleichzeitig musste ich jedoch auch feststellen, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem Mauern und Sperranlagen zu meinem Alltag gehören und in ein friedliches Zusammenleben fast unmöglich erscheint. Gerade die derzeitige angespannte politische Situation in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten lassen mich meine eigenen Standpunkte tagtäglich überdenken und die gesamten Umstände, unter denen ich lebe, werden mich für mein restliches Leben geprägt haben.
Wie zu erkennen, gibt es viele Dinge, mit denen ich mich während meines Freiwilligendienstes auseinandersetzen muss und ich bitte daher zu entschuldigen, dass ich bis jetzt noch nicht die Zeit und Ruhe gefunden habe mich zu melden. In den letzten Monaten musste ich jedoch immer wieder an meine Schulzeit zurückdenken — vielleicht auch weil mein Abitur inzwischen ziemlich genau ein Jahr zurückliegt. Und um dabei ehrlich zu sein, beginne ich erst jetzt, es richtig zu vermissen. Es sind oft eher die kleinen Dinge, die sich mir immer wieder in Erinnerung rufen: Lateinunterricht (sowie der zugehörige persönliche Input) bei Herrn Warnecke, Spätessen (mit Käse auf der Lampe), tiefgreifende Gespräche im Dienstzimmer und weniger tiefgreifende Gespräche beim Kaffee (fragen Sie Patrick) UND natürlich meinen unstillbaren Drang stets das Maximum an Möglichkeiten für mich rauszuholen und die damit einhergehenden endlosen Diskussionen (an Frau Dietrich: Vielen Dank für ihre Geduld).
Die Liste der Dinge, an die ich mich stets gerne erinnere, lässt sich hier noch fortführen, aber was ich damit sagen möchte ist, dass ich das Internat nicht vergessen werde und auch nicht vergessen kann. Traurige, lustige, tiefgreifende und ja, manchmal auch eher stupide Erfahrungen, all dies sind Sachen, die ich mit meiner Schulzeit verbinde und die mich gerne an das Internat, die Schule, die Lehrer und die Freunde dort zurückdenken und meine Zeit dort haben unvergesslich werden lassen.
Wenn es eine Sache gibt, die ich hier gelernt habe, so ist es das, dass es wichtig ist, die Chancen zu ergreifen, die sich einem im Leben bereitstellen, gerade auch deswegen, weil diese eben nicht gleichmäßig unter den Menschen verteilt sind. Als ich im Februar 2014 zum NIG kam, hätte ich mir niemals vorstellen können, in Jerusalem auf dem Ölberg zu stehen, die Sonne über der Altstadt untergehen zu sehen und diese Land als mein zweites Zuhause zu betrachten. Ich denke daher, die Tatsache, dass ich diese Chance in meinem Leben habe, habe ich zum großen Teil der Unterstützung zu verdanken, die ich während meiner fünf Jahre am NIG erfahren habe.

Viele liebe Grüße und bis bald!
Simon




Viele Ehemalige kommen ja immer wieder gern zu Besuch ins Internat. In einem Fall ist die Treue zum NIG offenbar direkt in der Familie weitervererbt worden. Familie Günther / Preiss / Preiß hat sich schon in der dritten Generation bei uns zu Hause gefühlt. Wir warten gespannt auf die vierte Generation und danken Familie Günther / Preiß für die Dokumentation ihrer schulischen Familiengeschichte!